Jugendkriminalität. Bandengewalt. Drogenkonsum. Auch in Bayern geraten immer wieder Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt. Wer mehrfach schwere Straftaten wie Körperverletzung, Raub oder Betrug begeht, landet als Intensivtäter hinter Gittern – eine Realität für 2.700 Jugendliche in Deutschland im vergangenen Jahr. Einer von ihnen ist Marc (Name geändert). Durch die Vermittlung der Jugendhilfe entging er nach der Untersuchungshaft einer 2–jährigen-Haftstrafe. Nun richtet er mit der Hilfe des ISE-Teams von Startklar sein Leben neu aus.
Bestrafung mit Erziehungsauftrag
Wenn junge Menschen hinter Gittern landen, steht in Deutschland nicht die Bestrafung, sondern die Erziehung im Vordergrund. Der Anschluss an die Gesellschaft soll wieder gelingen, weitere Straftaten vermieden werden. Genau das erreicht die Jugendvollzugsanstalt (JVA) häufig nicht. Warum das so ist, lässt sich einfach nachvollziehen. Von der Außenwelt weggesperrt treffen in der JVA problematische Menschen aufeinander. Nicht selten bestärken sie einander und geraten dadurch tiefer in die Kriminalitäts- und Ausgrenzungsspirale. Dass die Betreuungsmöglichkeiten der Inhaftierten durch Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen und später Bewährungshelfer*innen begrenzt sind, tut ihr übriges. So überrascht es kaum, dass viele entlassene Jugendstraftäter*innen den Anschluss an die Gesellschaft nicht finden und rückfällig werden.
„Das Vollzugsziel muss darauf ausgerichtet sein, dem jungen Inhaftierten künftig ein straffreies Leben in Freiheit und damit soziale Integration zu ermöglichen.“
Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 31. Mai 2006
Hohe Rückfallquoten bei jungen Straffälligen
Etwa 59 Prozent der jugendlichen Straftäter kommen innerhalb von drei Jahren nach ihrer Entlassung wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Knapp 23 Prozent davon landen erneut hinter Gittern. Jenen Gittern, die zu ihrer Besserung hätten beitragen sollen – und die Gesellschaft sicherer machen sollen. Aufgrund dieser Zahlen verwundert es nicht, dass immer wieder Kritik am Strafvollzug laut wird und alternative Maßnahmen erwogen werden. Eine davon bietet Startklar mit der intensiven sozialpädagogischen Einzelfallhilfe (ISE). Die Maßnahme richtet sich an sogenannte Systemsprenger*innen, also Jugendliche, die durch alle Raster der Jugendhilfe fallen, sowie an Hoch-Risiko-Klientel, also Jugendliche mit einer kriminellen Vergangenheit. Die sollen anhand einer intensivpädagogischen Einzelhilfe befähigt werden, einen Anschluss an die Gesellschaft zu finden.
Wie ein Kind zum Straftäter wird
Wie ein Kind zum Straftäter wird, zeigt die Geschichte von Marc. Die beinhaltet viele Elemente, die man auch in den Biografien anderer Straffälliger finden könnte. Marc stammt aus einem wohlhabenden deutschen Elternhaus. Wenn er heute an seine Kindheit zurückdenkt, fällt ihm kein Tag ein, an dem er nicht vom Streit der Eltern geweckt wurde. Dazu viele Nächte, in denen er Angst hatte, dass der Vater wieder betrunken durch den Flur stolpern würde. Marc erlebte – neben manchem Guten – von Kindheit an väterliche Gewalt. Und zwar immer dann, wenn dieser unter Alkoholeinfluss stand.
Als Schulkind hatte er einen erhöhten Förderbedarf, seine Noten fielen schlecht aus, Mitschüler*innen grenzten ihn aus. So fand er weder in der Schule noch zu Hause Halt und Anerkennung. Vielmehr war er das Kind, das nicht entsprach.
Als Jugendlicher traf er auf eine Clique, die Verständnis für seine Situation hatte. Dass diese kriminell war, tat nichts zur Sache. Endlich fand er einen Platz, an dem er den Respekt und die Zugehörigkeit fand, nach der er sich gesehnt hatte. Das Maß der Anerkennung innerhalb der Gruppe stieg mit seiner wachsenden Gewaltbereitschaft. Eine gute Motivation für ihn, um immer noch eins draufzulegen. Eines führte zum anderen. Gewalt unter Banden, Raub, Drogenkonsum, Handel mit Drogen. Schließlich folgte jener Tag X, an dem eine Situation eskalierte und er einer anderen Person eine gefährliche Körperverletzung zufügte. Marc rutschte in der Folge psychisch ab, flog schließlich auf und landete in Untersuchungshaft.
„Es kam so weit, dass alle Angst vor mir hatten. Das wollte ich gar nicht!“
Marc
Geburtstag im Gefängnis
Seinen 18. Geburtstag verbrachte Marc im Gefängnis. Dort erlebte er einen kalten Entzug und erkannte vor allem folgendes: den Wert von Freiheit und dass das Leben im Gefängnis kein Leben war. Doch wie neu beginnen? Wie eine Kehrtwende vollziehen? Für ihn stellte sich folgende Perspektive. Entweder zwei Jahre Haft oder ein Platz in einer sozialtherapeutischen Maßnahme für Straffällige. Diese Plätze sind jedoch rar. Man muss schon Glück haben, um in der U-Haftvermeidung oder einer anderen Maßnahme unterzukommen. Die U-Haftvermeidung erlebte er als eine weitere Art Gefängnis. Zufällig wurde in jener Zeit ein Platz bei Startklar (ISE) frei. Weil das Jugendamt vermittelte, öffnete sich für Marc die Tür. Und damit eine echte Chance für einen Neustart. Marc ist sehr dankbar dafür: „Damals wollte mich ja überhaupt keiner aufnehmen wegen meiner Vergangenheit. Startklar war die letzte Rettung, dass ich nicht in Haft kommen muss. Das hat mir halt auf jeden Fall viel ermöglicht, sage ich mal, in der Zukunft.“
Ein Neuanfang
Marc brach alle früheren Verbindungen ab und lebt heute nicht mehr in seiner Heimatstadt. Drogen haben in seinem neuen Leben keinen Platz. Dafür Sport, eine Ausbildung und neue Ziele. Sein Leben hat eine neue Richtung bekommen – dank der Hilfe des ISE-Teams, das ihn in einer „Rund- um-die-Uhr-Bereitschaft“ betreut. So stand ihm das Team nach einer Krankheit zur Seite, besorgte ihm einen Ausbildungsplatz, half ihm dabei, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Heute sagt Marc, dass es gut für ihn gut war, „einmal richtig auf die Fresse zu fallen“. Die
Hafterfahrung ließ ihn wertschätzen, welche Chance Startklar ihm bietet. Auch weiß er, dass er es ohne Startklar nicht geschafft hätte, eine Kehrtwende zu vollziehen. Und dass er auch deshalb Vertrauen aufbauen konnte, weil Startklar sehr frei arbeitet und ihn nicht einengt.
„Ich habe meine Vergangenheit hinter mir gelassen, gehe meinen Weg und ich weiß, dass Freiheit auf jeden Fall mehr wert ist als andere Dinge im Leben.“
Marc
ISE – u.a. eine Haftalternative mit unkonventionellem Konzept
ISE bietet einen Rahmen, der stabil und flexibel zugleich ist. Der Jugendliche lebt alleine in einer Einzimmerwohnung und wird von konstanten Bezugspersonen begleitet. Dabei durchläuft er oder sie kein vorgefasstes Programm. Vielmehr entwickelt das ISE-Team eine Maßnahme, die den Herausforderungen des Jugendlichen genau entspricht.
„Wir haben keine starre Struktur, keine langen Regelkataloge. Aber wir haben ein klares Ziel: am Willen und an den Zielen des Jugendlichen zu arbeiten“, erklärt Max Steinlen von Startklar, der Marc hauptverantwortlich begleitet.
Die angebotenen Hilfeleistungen richten sich spontan nach der jeweiligen Lebenssituation und werden im Laufe der Maßnahme immer wieder angepasst. Besonders wichtig ist die Beziehungsarbeit. Durch eine kontinuierliche Betreuung und den Aufbau von Vertrauen können die Jugendlichen lernen, wieder an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben. „Wir nehmen den Menschen so, wie er ist. Auch mit einer extrem straffälligen Vergangenheit. Wir verbringen viel Zeit miteinander und nehmen den Jugendlichen ernst. Und wir starten jeden Tag bei Null, sprich, wir tragen dem Jugendlichen nichts nach“, erklärt Max Steinlen.
All das schafft Vertrauen. Auch bei Marc, der es sehr schätzt, dass ihm Startklar in vielen schweren Situationen zur Seite gestanden ist. Das in ihn gesetzte Vertrauen möchte er nicht enttäuschen: „Ich habe mich halt relativ viel bemüht, dass ich kein Problemkind bin oder kein Problemmensch. Kein Mensch, der Startklar Probleme machen möchte. Weil mir war klar, dass es halt diese letzte Chance ist, frei zu sein“, sagt er.
„Wir betrachten Systemsprenger*innen als die vom System Gesprengten.“
Max Steinlen, Startklar
Warum bleiben Maßnahmen wie ISE die Ausnahme?
Die intensive sozialpädagogische Einzelfallhilfe ist im Gesetz (§35 SGB VIII) verankert. Da sie sehr personalintensiv ist, sind auch die Tagessätze höher als in anderen stationären Einrichtungen. Ein Tag im Gefängnis ist für den Staat im Bundesschnitt mit 200 Euro vergleichsweise günstiger. Dennoch lohnt es sich, den Blick weiter zu fassen und die Wirksamkeit einer Maßnahme am Ziel zu messen. Und das lautet, Jugendliche sozial und emotional so zu stabilisieren, dass sie gesellschaftlich überlebens- und anschlussfähig sind und keine weiteren Straftaten begehen.
Wenn ca. 60 % nach Haftentlassung rückfällig werden, kann man kaum von einer Zielerreichung sprechen. Das Nichterreichen des Vollzugsziels hat zudem auch einen Preis.
Die Folgekosten einer erfolglosen Haft
Da viele entlassene jugendliche Straftäter erneut straffällig werden, entstehen dem Staat Folgekosten für weitere Gefängnisaufenthalte. Hinzu kommen Gesundheitskosten für Therapien, Suchthilfe und Notfallversorgung und die Gefährdung der sozialen Sicherheit. Addiert man all das zusammen, kommt eine zeitlich begrenzte und effektive Maßnahme wie ISE günstiger.
Gelingt es einem straffälligen Jugendlichen, durch eine ISE-Maßnahme eine neue Perspektive zu entwickeln und die Weichen für eine Kehrtwende zu stellen, dann entsteht neben dem hohen persönlichen Gewinn für den Jugendlichen ein gesellschaftlicher Gewinn. Und dadurch eine bessere Lebensqualität für alle. Aus einem Kostenverursacher wird im Idealfall ein Beitragszahler.
„Möchte etwas Gutes tun, wenn ich kann“
Marc möchte gerne etwas zurückgeben. Er denkt darüber nach, Polizist zu werden, wenn man ihm diese Chance gibt. Auf diese Weise könnte er seine Erfahrungen nützen, um in eskalierende Situationen einzugreifen und diese zu schlichten. „Ich verstehe die Jugendlichen, die heute ähnlich drauf sind wie ich damals. Wenn ich solchen Menschen helfen kann, dann würde ich es auf jeden Fall tun in der Zukunft.“ Bei ihm ist die ISE-Maßnahme ans Ziel gekommen. Ein junger Mensch hat neue Hoffnung gefasst und Anschluss an die Gesellschaft gefunden. Und die möchte er jetzt bereichern.
Über das ISE-Team Rosenheim
Das ISE-Team Rosenheim entstand durch einen Anlassfall vor ca. 4 Jahren. Für einen Jugendlichen, der geschlossen untergebracht war, sollte eine alternative Begleitung entwickelt werden, damit er wieder Anschluss an die Gesellschaft finden konnte. Aus dieser individuellen Maßnahme entwickelte sich ein Team, das inzwischen Anfragen aus ganz Bayern erhält, aber immer nur 4 Jugendliche parallel begleitet.
Die intensive sozialpädagogische Einzelfallhilfe (ISE) richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 21 Jahren, die bereits aus mehreren anderen Jugendhilfemaßnahmen herausgefallen sind und dadurch den Glauben an positive Veränderungen verloren haben. Die Maßnahmen werden sehr individuell auf jede*n einzelne*n Jugendliche*n zugeschnitten.
Ausgehend vom Willen der Jugendlichen und ihren individuellen Stärken und sozialen Ressourcen werden sehr unterschiedliche Wohn- und Begleitungssettings entwickelt – auch in Hinblick auf die Intensität. Die Jugendlichen werden in Einzimmerwohnungen untergebracht und dort je nach Bedarf rund um die Uhr betreut. In den ersten Wochen erfolgt ein Clearing, um herauszufinden, wie intensiv die Begleitung sein muss und welche Ziele der Jugendliche verfolgt. Im weiteren Verlauf der Maßnahme wird die Betreuung schrittweise reduziert.
Ziel ist, dass die Jugendlichen perspektivisch ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben führen können.